Mittelpunktschule

 

Erste ländliche Mittelpunktschule Hessens

von Heinz Schminke (Jubiläumsschrift – 25 Jahre Ernst-Reuter-Schule)

Vorgeschichte

In der Schulchronik von Eichenberg fand ich folgenden Zeitungsbericht aus dem Jahr 1937: „Schulneubau in Eichenberg“. „Seit über zwei Jahrzehnten plante unsere Gemeinde einen Schulneubau. Der erste Plan konnte in­ Folge des Weltkrieges nicht zur Ausführung kommen. Als man 1930 behördlicherseits an den Bau einer für die Orte Eichenberg, Hebenshausen und Berge gemeinsamen Schule dachte, fand dieser Vorschlag die einmütige Ablehnung der Gemeinden, welche die dorfeigene Schule nicht aufgeben wollten. Landrat Dr. Beckmann setzte sich sofort nach Übernahme der Verwaltung des Kreises Witzenhausen 1932 bei der Regierung in Kassel tatkräftig für einen Schulneubau ein und erreichte, dass die ministerielle Baugenehmigung für 1937 erteilt wurde.

Am Anfang des Dorfes, auf freiliegender Fläche, erhebt sich der Bau, der eine weite und schöne Sicht über die Dorfgemarkung und weit darüber hinaus bietet. Als Fachwerkbau, der zwei Schulsäle und zwei Wohnungen für Lehrer enthalten wird, fügt er sich harmonisch in das Dorfbild ein.

Als mich Schulrat Quer im Sommer 1949 fragte: „Wollen sie die Hauptlehrerstelle in Eichen-berg übernehmen? Eichenberg soll eine besondere Volksschule, eine musische Schule wer-den“, sagte ich zu, denn solch ein Angebot erhielt ein 34 Lenze zählender Lehrer damals nicht alle Tage, wenn mir auch der Abschied von meiner Schulstelle in Dohrenbach schwer fiel.
Eichenberg gehörte zu den besonders begehrten Schulstellen im Kreis. Sein Bahnhof, alle D-Züge hielten hier, war für diese Zeit ein „Tor zur Welt, denn ein Motorrad oder gar ein Auto waren Traumziele. Als Volkstransportmittel diente das Fahrrad.

Wie in allen Gemeinden waren auch in Eichenberg die Häuser bis unter das Dach mit Flüchtlingen und Evakuierten belegt. Die Schulräume reichten nicht aus, es gab „Schichtunterricht“, Lehrer waren Mangelware.

Das Straßenbild beherrschten als Zugtiere die Kühe, die Wege konnte man bei Regen nur mit hochgekrempelten Hosenbeinen passieren. Die Kinder vom Bahnhof und Arnstein kamen bei schlechtem Wetter mit Gummistiefeln zur Schule.

Die „Grenze“ war noch nicht dicht. Bedienstete von Bahn und Post passierten sie täglich mit Erlaubnis der sowjetischen Besatzungsorgane, die Bauern bestellten und ernteten ihre Felder hüben und drüben. In Hohengandern war ein Mitabiturient und Studienkollege Schulleiter, den ich aber nur einmal wiedersah, als die Grenze „dicht gemacht“ wurde, da kam er nämlich in die Bundesrepublik. Bis dahin hatten wir uns nur gelegentlich Grüße bestellen können, die Grenze trennte uns.

Der Schichtunterricht war eine Plage, besonders der Nachmittagsunterricht im Sommer. Wir suchten nach Auswegen. Als Notlösung unterrichteten wir vormittags im Flur der Schule,  eine Fülle ungelöster kostspieliger Probleme. Wohnungsbau ging vor Schulbau, deswegen wurde zunächst das Zehnfamilienhaus am Bahnhof finanziert.

139 Schüler, davon 90 Eingesessene, 33 Flüchtlinge, 16 Evakuierte und Ausgebombte be-suchten 1949 die Schule in Eichenberg. Das 1.-3.Schuljahr die Klasse 1, das 4. u.5.Schuljahr die Klasse 2, das 6.-8.Schuljahr die Klasse 3. Eine Gliederung der Schule im Sinne Peter Petersens (1.-3.Schulj.Kl .1, 4.-6.Schulj.Kl.2, 7.-9.Schulj.Kl.3) war wegen der unterschiedlichen Jahrgangsstärken und fehlender Gesetze für ein 9.Schuljahr nicht möglich, seine pädagogischen Gedanken erschienen nur für eine Landschule richtig und hilf­reich. Dazu brauchte ich Zustimmung und Mitwirkung der Eltern. Allein im ersten Halbjahr nach meinem Dienstantritt in Eichenberg haben wir deswegen 4 Elternabende durchgeführt.

Wir backten Plätzchen zum Nikolaustag, zu Weihnachten gestalteten wir den Christabend in der Kirche, gestalteten eine Frühjahrsfeier, sangen den Mai an, spielten Theater und wirkten bei der Kirmes mit.

Die Eltern unterstützten uns in vor­bildlicher Weise, nahmen Einfluss auf die Gemeindevertretung und drängten auf den Bau eines dritten Schulsaales, führten die Elternspende ein und sorgten damit für die Finanzierung von Lehrmitteln, die wir uns wünschten , wie Nähmaschine , Rundfunk- und Tonbandgerät.

1952 wurde unerwartet der kleine Grenz­verkehr verboten. Die Bediensteten von Post und Bahn aus Hohengandern, Arenshausen und Kirchgandern kamen mit aller schnell fassbaren und beweglichen Habe, Haus und Hof im Stich lassend. Johannes Hillebrand, Lehrer in Hebenshausen, sah sein Heimathaus in Hohengandern jenseits der Grenze liegen, betreten durfte er es nie mehr. Wegen der Grenzzonenflüchtlinge konnte der Erweiterungsbau der Schule nun nicht mehr hinausgeschoben werden.

Erste Gedanken an eine Mittelpunktschule

Statt der gewünschten Erweiterung schlug Landrat Brübach 1953 den Bau einer Mittelpunktschule für die Gemeinden Eichenberg, Hebenshausen und Berge am Ortsrand Hebenshausens, angrenzend an die Gärtnerei, vor, denn Hebenshausen und Berge hatten ebenfalls Schulraumprobleme.

In Hebenshausen, dessen Schule 1838 mit einem Unterrichtsraum (6x8m) im ersten Stock und Lehrerdienstwohnung im Erdgeschoß errichtet wurde, fehlte seit 1948 ein Klassenraum , als die Volksschule nach dem Krieg zweiklassig wurde. Von 1870 an war schon eine Verbesserung der Schulverhältnisse, d.h. Verlegung des Klassenzimmers nach unten, erwogen, aber nicht durchgeführt worden. 1925 wollte man mit Berge und 1935 mit Eichenberg eine gemeinsame Schule bauen. Das Schulhaus in Berge blickte auf eine mehr als 250-jährige Vergangenheit zurück. Bis 1860 war ein Zimmer von 20m2 der späteren Lehrerwohnung Unterrichtsraum, von da an ein 40m2 großes Klassenzimmer im Wohnhaus.
Ein Schulhof war nicht vorhanden. Mehrmals drohte der Berger Schule die Auflösung, bzw. ein Aufgehen in der Volksschule Eichenberg, da die Schülerzahl ständig sank. Dem Bemühen von Eltern- und Gemeindevertretern gelang es, die Berger Volksschule zu erhalten, zumal sie in gewisser Weise von Eichenberg unterstützt wurden. Während des 2.Weltkrieges hob der Regierungspräsident die Volksschule Berge auf. Die Kinder besuchten die Schule in Eichenberg. Der Schulweg war ein nicht befestigter Feldweg zwischen den Gemeinden.

Ein Vertreter des Regierungspräsidenten in Kassel besichtigte den vom Landrat vorgeschlagenen Bauplatz und lehnte ihn ab. Begründung: Die Kinder aus Eichenberg müssen als Schulweg die B 27 benutzen, was zu gefährlich ist. (Daß die Kinder vom Bahnhof-Eichenberg schon immer die B 27 überqueren mußten, die Schüler vom Arnstein die B 27 entlang gingen, war anscheinend ungefährlich .)

Die Gemeinde Eichenberg versagte sich ebenfalls dem Plan und verlangte den Bau einer Mittelpunktschule neben ihrem Schulgebäude. Am liebsten hätte allerdings jede der drei Gemeinden ihre Schule, die dorfeigene Schule, behalten. Man fürchtete, ohne Schule fehlte der Gemeinde der kulturelle Mittelpunkt. Natürlich dachte man auch an den dann fehlenden Lehrer, der bisher vielleicht als Organist, bei der Raiffeisenstelle, als Chorleiter oder sonst im Vereinsleben eine Rolle spielte, aber auch außerhalb der Schulzeit ein wachsames Auge auf die Kinderschar hatte. Da mußten schon schwerwiegende Argumente für eine Änderung sprechen, und die waren für die Gemeinden einmal finanzieller Art beim Schulbau, zum anderen die Aussicht auf wesentlich bessere äußere Schulverhältnisse, mit Turnhalle, Küche, Werkraum, ja sogar einem Schwimmbad.

Darüber hinaus sollte solche Schule eine gewissermaßen neutrale Schule auf neutralem Boden sein, also nicht in Eichenberg oder in Hebenshausen stehen.

Am 20.8.1953 wurden von Landrat Brübach, Schulrat Quer, einem Vertreter des Regierungspräsidenten, den Bürgermeistern und Schulleitern der Gemeinden ein Bauplatz ausgesucht, das Gelände, auf dem die Schule schließlich erstand. Zwischen den 4 Schulorten (Eichenberg-Dorf, Eichenberg-Bahnhof, Hebenshausen und Berge) gelegen erfüllte er alle Bedingungen: Großzügige räumliche Möglichkeiten (25000m2), gleich weite Schulwege für alle, etwa 1,5 km. Den längeren Schulweg für die Kinder vom Arnstein und Neuenrode mußte man in Kauf nehmen. Entlang der B 27 sollte ein Fußweg für Hebenshausen und Berge gebaut, für die Eichenberger Schüler ein Feldweg befestigt werden.
Die finanzielle Belastung für die Gemeinden war erträglich: Eichenberg 40 000 DM, Hebenshausen 20 000 DM, Berge 10 000 DM, durch den vorgesehenen Verkauf der alten Schulen abgedeckt.

 Es wird ernst

Am 4.11 .1953: Gründung des Gesamtschulverbandes in Eichenberg.

Alle Gemeinden haben gleiches Stimmrecht, Eichenberg stellt Vorsteher, Kassierer und Protokollführer.
Bauentwurf: Architekt Krüger (Kassel) Bauaufsicht: Architekt Drobe (Witzenhausen.)  In der nächsten Sitzung ist ein Modell vorzustellen.

Am 20.11.1953 Sitzung in Hebenshausen
Das Modell findet allseitige Zustimmung. Finanzierungsvorschlag des Landrats: Eichenberg 80 000 DM, Hebenshausen 40 000 DM, Berge 20 000 DM .

Am 17.2.1954 Sitzung in Berge ohne Landrat
Der Verbandsvorsteher wird beauftragt, folgende Punkte zu klären: 1.Klare und verbindliche Finanzierung; 2.Laufende Unterhaltskosten;  3.Lehrerwohnungen, 4.Doppelfenster; 5.Tiefe des Schwimmbeckens und seine Umzäunung; 6.Bühne in der Turnhalle.

Am 5.3.1954 Sitzung in Eichenberg
Bau des Schwimmbades wegen der zu hohen Folgekosten entfällt.
Mit 7 gegen 4 Stimmen (aus Hebenshausen) wird folgender Beschluß gefaßt: Die Planungsarbeiten sind einzustellen, da sich alle drei Gemeinden außerstande sehen, den ihnen in diesem Finanzierungsplan auferlegten Verpflichtungen nachzukommen, an der Durchführung des Projektes sind sie aber interessiert.

Am 1.4.1954 Sitzung Eichenberg auf Wunsch des Landrats

Der Landrat Brübach weist den Vorwurf, die Planung sei eine parteipolitische Maßnahme, zurück. Die Verbandsmitglieder betonen, dieser Vorwurf gehe nicht von ihnen aus. Das Projekt wird auf unbestimmte Zeit zurückgestellt. Die bisher entstandenen Kosten in Höhe von 6 300 DM werden anteilmäßig von Eichenberg und Berge getragen, Hebenshausen dagegen freigestellt. Einstimmiger Beschluß.

Am 14.4.1954 Konferenz der Lehrer der 3 Schulen unter Vorsitz von Schulrat Quer
Beschluß: Die Elternbeiräte der 3 Gemeinden sind zu einer Sitzung eingeladen.

Am 26. 4. 1954 Versammlung von Elternvertretern, Bürgermeistern und Lehrern am Bahnhof Eichenberg mit Schulrat Quer

Entschließung mit 2 Gegenstimmen: Die drei Gemeindeverwaltungen werden gebeten, den Bau der Mittelpunktschule so bald als möglich zu beginnen .

Am 20.5.1954 Sitzung des Gesamtschulverbandes in Eichenberg, auf Wunsch des Regierungspräsidenten einberufen

Gäste: Regierungsdirektor Trost, Landrat Brübach, Schulrat Quer, die Architekten Krüger und Drobe.
Eingehende positive Diskussion. Beschluß: Unter der Voraussetzung, daß die Finanzierung der Mittelpunktschule die Kosten von 100 000 DM für die beteiligten Gemeinden nicht übersteigt, erklären sich die Gemeindevertretungen von Eichenberg, Hebenshausen und Berge und die Mitglieder des Gesamtschulverbandes einstimmig für den Bau der Mittelpunktschule in diesem Jahr.

Ich denke, es ist wichtig, den schwierigen und verschlungenen Pfaden dieser demokratischen Entscheidung noch einmal nachzugehen und sie hier festzuhalten. Schließlich ist aus dem zusammenraufen eine dauerhafte, gute Zusammenarbeit geworden, die dann den Zusammenschluß der 5 Gemeinden zur Gemeinde Neu-Eichenberg vorbereitete und ermöglichte.

Es ist auch notwendig, die Mitwirkung der Eltern bei der Vorgeschichte aufzuzeigen .Dabei sind die pädagogischen Elternwochen im Kreis Witzenhausen besonders hilfreich gewesen, weil hier die Idee von einer „Neuen Schule“ zum Allgemeingut wurde und so die Schulreform im Kreis Witzenhausen vorbereitete .

Ohne den unermüdlichen Einsatz von Landrat Brübach und Schulrat Quer wäre allerdings die Ernst-Reuter-Schule nicht entstanden .

Im Dezember 1954 begannen die sehr umfangreichen Erdarbeiten. Am Palmsonntag 1955 gegen 09.30 Uhr „erschien“ unangemeldet auf der Durchreise der hessische Kultusminister Arno Hennig, um sich vom „Stand der Bauarbeiten“ zu unterrichten. Wir konnten nur einen großen Berg geschobenen Bodens vorzeigen.

Der Minister sicherte Bürgermeister Griese und mir seine volle Unterstützung für die Durchführung des Projekts zu und wollte versuchen, noch Gelder für die Inneneinrichtung „locker zu machen“. Auch den Vorschlag, 6 Lehrer an diese Schule zu berufen, der laut Meßzahl nur 5 Lehrer zustanden, wollte er unterstützen.

Die neue Schule

Am 20.5.1955 erfolgte die Grundsteinlegung, am 21.7.1955 war das Richtfest (Gäste: Ministerialdirektor Vieweg, Regierungsdirektor Trost, Regierungs- und Schulrat Dr. Rüth, Landrat Brübach , Schulrat Quer.) Ministerialdirektor Vieweg wies den Vorwurf, die Hessische Landesregierung baue zu aufwendig, zurück.

Die Fertigstellung, schon für 1955 vorgesehen, verzögerte sich. Der neue Termin, Ostern 1956 zum Schuljahresbeginn, konnte nicht eingehalten werden, auch der Herbst ging vorüber. Der Schulweg war nicht fertig. Der Bau der Unterführung (B 27) erfolgte auf Anweisung des Verkehrsexperten beim Regierungspräsidenten.

Im Amtsblatt des Hessischen Kultusministers vom Monat Februar waren die Schulleiterstelle und die Lehrerstellen für die Mittelpunktschule Eichenberg ausgeschrieben. Eine Ausschreibung von Lehrerstellen an Volksschulen im Amtsblatt des Kultusministers hatte es bis dahin noch nicht gegeben, sie ist auch danach nicht wieder vorgenommen worden.

Am 25.10.1956 besuchte der Ministerpräsident Dr. Zinn die Schule. Hausmeister und Schulleiter hatten schon ihre Dienstwohnungen bezogen, die Wege waren noch „unpassierbar“. So konnte ich an meinem Geburtstag zwar die Schule vorzeigen und mit dem Ministerpräsidenten anstoßen, aber die Schule war leer. Dr. Zinn zeigte sich beeindruckt und sicherte weitere Unterstützung zu.

Bei strahlendem Wetter fand am 6.6.1957 endlich die Einweihung statt. Als Gäste kamen als Vertreter des Kultusministers Regierungs- und Schulrat Diederich aus Wiesbaden, der Regierungspräsident Dr. Hoch und Regierungsdirektor Trost aus Kassel, Landrat Brübach und Schulrat Quer aus Witzenhausen, die Vorsitzende des Elternbeirates, Frau Orth, die Architekten, Schulverbandsmitglieder, Lehrer und viele andere.

Die Schule sollte den Namen Ernst Reuters, des verstorbenen Oberbürgermeisters von Berlin, tragen, symbolhaft für Einheit und Freiheit unseres Vaterlandes hier an der Zonengrenze, die unser Land teilte. Frau Hanna Reuter wollte persönlich die „Taufe“ vornehmen.

Nach einem Kanon von Telemann, gesungen vom Schulchor, begrüßte der Schulverbandsvorsteher, Bürgermeister Hoffmeister aus Hebenshausen, die Gäste. Der Architekt, Oberbaurat i.R. Krüger, sprach über die Anlage und gab der Schule den Spruch aus dem Wappen der Stadt Danzig mit auf den Weg: Weder unbesonnen, noch furchtsam !

Nach der Namensgebung durch Frau Hanna Reuter wies Bürgermeister Hoffmeister darauf hin, daß sich die drei Gemeinden zu gemeinsamem Werk gefunden hätten, um den Kindern das beste Rüstzeug für ihr späteres Leben mitzugeben.

Ich bezeichnete es als die Aufgabe dieser Generation, den Landkindern die gleichen Bildungs-möglichkeiten wie den Stadtkindern einzuräumen. Diese Aufgabe sei hier in ungewöhnlich großzügiger Weise gelöst.

Regierungs- und Schulrat Diederich überbrachte die Grüße des ·Kultusministers und würdigte die Tat der drei Gemeinden, die hier einen vielversprechenden Anfang gemacht hätten.

Der Regierungspräsident berichtete vom Lebenswerk Ernst Reuters. Er schloß mit den Wor-ten: „Mögen aus dieser Schule einmal junge Bürger gehen, denen die menschliche Güte, die menschliche Größe und die Klugheit eines Ernst Reuters stets vor Augen stehen. Dann können sie einmal als Erwachsene recht wirken für Freiheit und Gerechtigkeit, daß die Welt glücklich werde und Frieden in aller Welt bleibe.“

Landrat Brübach bezeichnete den Tag der Übergabe als einen Meilenstein in der Entwicklung des ländlichen Volksschullebens. Er dankte der Landesregierung und allen beteiligten Stellen für die Unterstützung, die dieses Werk gefunden habe.

Für die Kirchen beider Konfessionen erbaten Pfarrer Huntze und Pfarrer Koch Gottes Segen zu dem Werk.

Nach dem Singen der Nationalhymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zogen die Kinder, die Schüler der verschiedenen Klassen mit jeweils anderen Blumen in den Händen, in ihre neuen Räume und steckten ihre Blumen in eine auf dem Lehrerpult stehende Vase.

Abends waren alle Eltern zu einer Feierstunde eingeladen. Nach Liedern und Gedichten des Schulchores las Frau Ilse Quer eine Erzählung ihres Mannes: Die stählerne Kugel. Schulrat Quer würdigte in seiner Ansprache das Leben Ernst Reuters, nachdem Frau Reuter aus dem Leben ihres Gatten berichtet hatte, und ging besonders auf Aufgabe und Sinn dieser Schule ein.
Die Feier klang mit dem Lied: „Kein schöner Land in dieser Zeit“ aus.

Für Eltern und Einwohner der 3 Gemeinden war am 1. Pfingsttag ein „Tag der offenen Tür.“ Eine wahre Völkerwanderung setzte ein. Freude, ja Begeisterung wurde laut geäußert. Die Ernst-Reuter-Schule wurde zu „unserer“ Schule.

Zahlen, Sorgen und Probleme

Die Kosten für den Altbau, 4 Klassen, 2 Großklassen, Schulküche, Werk- und Mehr-zweckraum, Turnhalle mit 2 Umkleideräumen, Lehrer-, Schulleiter-, Lehrmittelzimmer, Hausmeisterwohnung mit Stallung, Schulleiterwohnung mit Garage und Wirtschaftsgebäude, alles solide gebaut , verklinkert , wegen geringer Wartungs- und Folgekosten, 25 000 m2 großem Grundstück, Fußweg, Unterführung und Sportplatz, beliefen sich auf 933 034 DM, davon 735 664 DM für Grundstück, Wasserführung, Elektrizität, Gebäude, 60 000 DM für die Inneneinrichtung, 89 370 DM für Fußweg und Unterführung, 48 000 DM für den Sportplatz.

Schülerzahl 1957 in 6 Klassen: 201 Kinder (Eichenberg 121, Hebenshausen 53, Berge 27). Die Klassen 1-4 waren Jahrgangsklassen, in der 5. waren das 5. und 6., in der 6. Klasse das 7. und 8.Schuljahr zusammengefaßt. Das Kollegium bestand aus Hauptlehrer Heinz Schminke, der Lehrerin Irene Fischer, dem Lehrer Johannes Hillebrand, dem Lehramtsanwärter Richard Kolb, der Lehramtsanwärterin Doris Budde und der Techn. Lehrerin Hedwig Pott, die an zwei Tagen in der Woche Hauswirtschaft, Nadelarbeit und Mädchenturnen unterrichtete. Ein kleines Kollegium!

Für 50 Kinder stand jeweils ein Lehrer der Schule zu. Die Regierung sparte eine Stelle bei der Mittelpunktschule ein, denn vorher waren in Eichenberg 3 Lehrkräfte und techn. Lehrerin, in Hebenshausen 2, in Berge 1 Lehrer.

Wirtschaftliches Denken spielte beim Schulverband natürlich eine große Rolle, durfte doch die Unterhaltung der Schule die Gemeinden nicht überfordern. Die Schulbeiträge Hebenshausens waren etwa genauso hoch, wie die schon für ihre Schule aufgewendeten Mittel, bei Berge lagen sie wesentlich, bei Eichenberg etwas höher.

Die Hausmeisterstelle war nebenamtlich besetzt. Hauptamtlich arbeitete Herr Nadler bei der Firma Benary gleich nebenan und konnte „bei Bedarf“ gerufen werden. Seine Frau vertrat ihn während der Schulzeit. Der nächste Hausmeister, Herr Albrecht, war Rentner, ebenfalls nebenamtlich eingesetzt.

Die großen Rasenflächen einschließlich Sportplatz wurden zunächst zweimal im Jahr von einem Bauern gemäht, der dafür das Grünfutter bekam. Als mit der fortschreitenden Rationalisierung der Landwirtschaft niemand das Gras mehr haben wollte, wurde ein Rasenmäher beschafft.

Die Bundespost verweigerte zunächst eine Telefonleitung wegen der hohen Baukosten. Erst als während einer Unterrichtsstunde ein Fenster, dessen Rahmen nicht im Mauerwerk verankert war, in den Klassenraum stürzte und fast einen Schüler erwischte, erhielten wir ein Telefon in die Schulleiterdienstwohnung. Meine Frau musste mich bei Anrufen dann verständigen, bzw. aus der Schule holen, ein 2. Anschluss wäre zu kostspielig geworden.

Der Werkraum sollte zugleich als Mehrzweckraum auch dem naturwissenschaftlichen Unter-richt dienen, was sich sehr schnell als undurchführbar auswies, er konnte nur als Werkraum benutzt werden. Die Küche war gleichzeitig Nadelarbeitsraum. Im Lehrerzimmer fand in offenen Regalen die Gemeindebücherei (1000 Bände) Platz. Der Lehrmittelraum erwies sich schon bei seiner Einrichtung als zu klein.

Kein Schulleiter würde aus heutiger Sicht all dies als ideale Schulverhältnisse bezeichnen. Damals waren sie vorbildlich, für alle Landschulen und viele Stadtschulen sogar beneidens-wert gut.

Das Positive überwiegt

Auch heute noch ist aber die Ernst­ Reuter-Schule als Schulkonzeption inmitten großer Wiesenflächen, von Busch- und Baumgruppen gesäumt, Sportplatz mit Turngarten, Laufbahn, Toren, ihrer offenen menschenfreundlichen Bauweise, dem weiten Blick in die Feme, ein Musterbeispiel einer Schule.

Die Schule hat vom ersten Tag an „funktioniert“. Das Kollegium kannte sich und hatte schon in Eichenberg gut und engagiert zusammengearbeitet. Der Kollege Hillebrand wirkte bei der Planung mit, Fräulein Budde kam als einzige Fremde dazu und brachte durch ihre gymnastische Vorbildung neue Ideen ein.

Der Unterricht der Unterstufe lag in der Hand der Klassenlehrer, in der Oberstufe in den Kernfächern ebenfalls. Frau Fischer ließ sich als Werklehrerin ausbilden und leistete Vor-bildliches, auch in Abendkursen für Erwachsene. Herr Kolb widmete sich besonders der Kunsterziehung, Herr Hillebrand den Naturwissenschaften, ich mich der Musik. Der Unterricht begann im Sommerhalbjahr um 07.30Uhr, im Winterhalbjahr um 8:00Uhr.Das erste und zweite Schuljahr kam um 10.oo Uhr. Die ersten beiden Stunden, in denen vorrangig Deutsch, Rechnen und Englisch erteilt wurden, waren nur durch eine Verschnaufpause getrennt. Der Englischunterricht lag für die Oberstufe parallel und wurde in 3 Gruppen erteilt.

Die große Pause dauerte 25 Minuten. Schon in Eichenberg hatten wir zu Zeiten der Schulspeisung an gedeckter Tafel im Flur gesessen. Der Brauch wurde wieder aufgegriffen. Lehrer und Schüler frühstückten gemeinsam, Milch und Kakao standen in jedem Klassenraum bereit. Danach waren 15 Minuten für Auslaufen und Spielen da. Die Jungen überhörten dann oft das Klingelzeichen , wenn sie zu stark vom Fußballspiel gefesselt waren.

Die 3.u.4. Stunde waren als Blockstunde angelegt, nach einer Zehnminutenpause folgten die 5.u.6. Stunde. Musischer Unterricht und Leibeserziehung konnten auf die letzten Stunden, Religion und Chor (zeitweise 2 Stunden) auf Randstunden verlegt werden. Da alle Schüler „zu Fuß“ oder „per Rad“ kamen, war die Stundenplangestaltung weitgehend von pädagogischen Gesichtspunkten bestimmt. Später regierte oft Fahrplan oder „Fachunterricht“ in Fachräumen den Stundenplan.

Mit öffentlichen Veranstaltungen wollten wir uns selbst darstellen, Beziehungen und Verbindungen zu Eltern und Gemeinden knüpfen und aufrechterhalten und damit zeigen, daß unsere Mittelpunktschule auch ein kultureller Mittelpunkt sein konnte.

Das Schulfest wurde mit Puppenspiel, Schauturnen und Vorstellungen, mit Wettkämpfen für Eltern und Kinder, mit Würstchen und Bier für die Erwachsenen ein regelrechtes Volksfest. Damit das Auge nicht zu kurz kam, begann es mit einer Polonaise. Jedes Kind erhielt einen Luftballon in die Hand.

Vorbereitung und Durchführung war eine Gemeinschaftsleistung von Eltern und Lehrern. Im Winter gaben Schüler eine Theatervorstellung für Mitschüler und Eltern. Ostern traten wir mit Ausstellungen von Band- und Werkarbeiten an die Öffentlichkeit. Die 8. Schuljahre wurden in einer Feierstunde mit Eltern, Bürgermeistern, Lehrern und Mitschülern verabschiedet, die Schulneulinge in einer lustigen Aufnahmefeier begrüßt.

Für die Gemeinden fanden Veranstaltungen der Volkshochschule statt, die Turnhalle mit Bühne bot sich da an. Die Schüler der 8.und später der 9. Klassen besuchten jeweils ein Schauspiel und eine Oper im Staatstheater Kassel oder in Göttingen, um ihnen die „Angst “ vor der „Kultur“ zu nehmen und sie neugierig zu machen. Seit 1962 waren die Entlaßschüler in jedem Jahr 14 Tage im Schullandheim des Kreises auf der Insel Pellworm, für alle ein unvergessliches Gemeinschaftserlebnis.

Der für die Schulentwicklung zuständige Dezernent beim Kultusminister hat später einmal zu mir gesagt: Die Ernst­ Reuter-Schule hat uns 4 Jahre Überzeugungsarbeit in der Hessischen Schulpolitik erspart.

Die Schule als Modell

Seit der Einweihung verging kaum eine Woche, daß nicht ein Bus Besucher als Gäste in die Schule brachte, oft unangemeldet. Häufig sprang meine Frau als Fremdenführer ein, wenn ich abwesend war. Überhaupt haben die Lehrerfrauen in vielfacher Hinsicht im Jünglingsalter der Schule mitgeholfen. Sie ertrugen auch geduldig, daß ihre Ehemänner nur noch für die Schule zu leben schienen.

Im Sommer 1958 kam das Hessische Fernsehen zu uns und berichtete in der Rundschau aus dem Hessenland über die Ernst-Reuter-Schule, über erfolgreiche, hessische Schulpolitik, zur Nachahmung empfohlen! Ganz besonders nahm sich die AVA (Arbeitsgemeinschaft zur Verbesserung der Agrarstruktur) unserer Mittelpunktschule an. Sie sah in der Ernst-Reuter-Schule einen gelungenen Versuch, das Leben auf dem Lande anziehender zu machen und ließ Faltblatt mit Foto und Plan der Schule drucken, das wir Besuchergruppen zu besserer Information mitgeben konnten. Auf der landwirtschaftlichen Ausstellung des Landes Hessen 1958 in Kassel zeigte sie das Modell unserer Schule und eine graphische Darstellung.

Sogar einer Landfrauengruppe aus Finnland wurden wir vorgeführt. Holländer, Italiener, eine Gruppe polnischer Schulfachleute im Rahmen der UNESCO, Studenten aus allen Nationen (Ghana, Türkei, VAR, Griechenland, Indien, Ungarn, Philippinen, Argentinien), der Berner Lehrerverein, Bayrische Schulpolitiker, das Staatliche Studienseminar Essen, die Agrarsoziale Gesellschaft haben uns besucht, um nur die aus dem Rahmen fallenden Gäste aufzuführen.

Nach 1965 verebbte der Besucherstrom allmählich. Es entstanden größere, besser ausgestattete Mittelpunktschulen, die nun in den Blickpunkt gerieten und schließlich löste die Gesamtschule die Mittelpunktschule ab.

Von Interesse sind sicher die Finanzierung des ersten Bauabschnittes und die Namen der „Geldgeber“.

Eigenmittel der Gemeinden   102.349 DM
Kreis Witzenhausen               100.000 DM
Land Hessen                          567.685 DM
Bund                                         55.000 DM
Inneneinrichtung
Eigenmittel                                 5.006 DM
Kreis                                           5.000 DM
Land                                         20.000 DM
Bund                                         30.000 DM

Sportplatz
Land                                         28 000 DM
Bund                                         20 000 DM

Es wird zu eng

1961 begannen die Planungsarbeiten für die Gelstertalschule in Hundelshausen. Im Oktober 1964 wurde sie bezogen, nachdem sich das Land Hessen zum ersten Mal bereit erklärt hatte, die Beförderungskosten für die Schüler zu übernehmen. Mit der Lösung des Transportproblems schlug auch für uns in Eichenberg die Stunde für den Erweiterungsbau.

Der Schulverband trat am 4.6.1962 zu einer Sitzung in der Ernst-Reuter­ Schule zusammen. Im Beisein von Landrat Brübach, Assessor Wiegang (Reg. Kassel) und Schulrat Gräfer, den Bürgermeistern und Gemeindevertretern aus Hermannrode und Marzhausen beschloss man, die Gemeinden Hermannrode und Marzhausen in den Schulverband aufzunehmen, um die Ernst-Reuter­ Schule zu einer vollausgebauten Volksschule zu erweitern. 4 Klassenräume, 1 Fachraum (Naturwissenschaften), Umgestaltung einer Großklasse zum Mehrzweckraum (Film, Musik, Verkehrserziehung, Elternversammlungen, Vorträge), Bücherei, Lehr-mittelräume, Nadelarbeitsraum und Toiletten sollten gebaut werden.

Die Satzung des Verbandes wurde in verschiedenen Punkten geändert. So hieß der Schul-verband , dem nunmehr die Gemeinden Berge, Eichenberg, Hebenshausen, Hermannrode und Marzhausen angehörten, Schulverband Eichenberg.

Seine Vertretung setzte sich wie folgt zusammen: 5 Vertreter aus Eichenberg
4 aus Hebenshausen, je 3 aus Berge, Hermannrode und Marzhausen. Bei der Neuverteilung der Sitze im Schulverband enthielt sich ein Vertreter des alten Verbandes der Stimme. Der Verbandsvorsteher sollte aus der Reihe der Bürgermeister gewählt werden.

Planung und Bauaufsicht der Erweiterung: Architekt Flemming , Bad Hersfeld.
Am 13.12.1963 war Richtfest. Bei der Einweihung des Erweiterungsbaues am 14.9.1964 begrüßte der Schulverbandsvorsteher Bürgermeister Rothmeyer als Gäste besonders Regierungspräsident Schneider, Regierungsdirektor Diederich, Landrat Brübach, Schulrat Gräfer, Bundestagsabgeordneten Höhmann.

Lieder und Gedichte, von Schulkindern vorgetragen, erinnerten an die Trennung unseres Vaterlandes, die hier an der Zonengrenze immer wieder besonders ins Bewußtsein dringt, und an die der Name der Schule erinnern soll. Der Regierungspräsident wies in seiner Ansprache auf die Verdienste des Landes um den Bau dieser Schule hin.

Die Kosten für den 2. Bauabschnitt beliefen sich auf 722 000 DM.
Die Beihilfen zahlten:

Kreis 112 000 DM
Land 530 000 DM

Inneneinrichtung
Kreis 20000 DM
Land 60000 DM

Die gesamten Baukosten der Schule betrugen also „nur“ 1.675830 DM.

Ausstattung und Einrichtung der Ernst-­Reuter-Schule ließen nun wirklich keine Wünsche mehr offen. Mit der Einrichtung des 9. Schuljahres Ostern 1964 kamen alle Kinder aus Hermannrode und Marzhausen schon vor Fertigstellung des Erweiterungsbaues nach Eichen-berg. Es war nun zwar sehr eng bei uns, hat aber die gute Stimmung nicht beeinträchtigt.

Im Kurzschuljahr 1966 wurden die Oberstufe von Unterrieden, ab 1.12.66 die Oberstufe von Werleshausen und Neuseesen, die 9.Klasse von Oberrieden und Wendershausen bei uns aufgenommen. Im Februar folgten das 7. u. 8. Schuljahr Oberriedens, 1967 die Unterstufe Unterriedens. Im Februar 1972 das 3.uund 4. Schuljahr Werleshausens. Am 16.10.1967 war die Schülerzahl auf 366 angestiegen.

Die Schule schrumpft

Landrat Brübach wollte nun die Landschulreform in seinem Kreis vollenden und schlug für die Schüler der Gemeinden des „Unteren Werratales“ (Oberrieden bis Gertenbach) den Be-such der Ernst-Reuter-Schule, die in einem 3.Bauabschnitt zu erweitern war, vor. Das rief die Witzenhäuser auf den Plan , die ihrerseits für eine Mittelpunktschule Witzenhausen warben.
In einer Elternversammlung in Gertenbach konnten Schulrat Schomberg und ich die Gertenbacher nicht für unseren Plan gewinnen. Sie waren der Meinung: Wenn unsere Kinder schon fahren müssen, dann nicht den weiten Weg ins ferne Eichenberg, vorbei an Witzenhausen, dann lieber nur bis Witzenhausen. Schließlich führte die Einführung der Förderstufe, zunächst auf freiwilliger Basis in Witzenhausen, dann „obligatorisch“ im Kreis, zu einer vollkommen neuen Schulkonzeption und Schulpolitik im Kreisgebiet.

Mit Beginn des Schuljahres 1970 schied zum ersten Mal das neue 5.Schuljahr aus dem Ver-band unserer Schule aus und besuchte die Förderstufe der späteren Gesamtschule Witzenhausen .

Am 22.6.1974 entließen wir das letzte 9.Schuljahr. Die Ernst-Reuter-Schule war zur Grundschule geschrumpft.

Mit der Auflösung des Schulverbandes übernahm zunächst der Kreis Witzenhausen, am 1.1.1975 der Werra-Meißner­ Kreis Verwaltung und Betreuung aller Schulen. Mit dieser Maßnahme verbesserte sich die finanzielle Situation ganz wesentlich. Noch fehlende Lehr- und Lernmittel konnten ohne Elternspende beschafft werden, so daß schließlich keine Wünsche offenblieben.

Von der Haupt- und Grundschule zur Grundschule, das brachte für die Grundschule luxuriöse räumliche Verhältnisse, wenn wir Lehrer auch die neuen „Verhältnisse“ (nach Brecht) nicht gerade begrüßt, sondern eher bedauert haben.

Das Unterrichten in Grund- und Hauptschulen öffnete die Augen für die Probleme beider Schulstufen. Manche Fehlleistung ist dabei gar nicht erst entstanden, manche Fehleinschätzung unterblieben. Uns erschien überhaupt die Trennung nach dem 4.Schuljahr wenig sinnvoll. Erziehung stand bei uns immer gleichberechtigt neben Wissensvermittlung und Wissensfestigung, aber die musische Erziehung kam nie zu kurz. Erziehung in der Schule ist heute nur mit den Eltern gemeinsam möglich. Daher haben wir den Kontakt zum Elternhaus immer gesucht und durch gezielte Information mit Vorträgen von Lehrern und Ärzten, monatlich an einem Abend angesetzten Elternsprechstunden aller Lehrer, Unter-richtsbesuchen der Erziehungsberechtigten, Elternrundbriefen, Beteiligung an Dorffesten und Veranstaltungen, regelmäßige Elternbeiratssitzungen, die Verbindungen ausgebaut und gefestigt .

Außerdem kannten die Eltern einen Teil der Lehrer schon lange, was sicherlich vertrauensfördernd war. Von Anfang an dabei waren: Irene Fischer seit März 1952 (durch tragische Umstände am 20a.73 unerwartet verstorben), Richard Kolb seit August 1954 (am 6.2.1971 zum Konrektor ernannt), Hedwig Pott seit 1952 (Techn. Lehrerin).

 

Schüler, Lehrer, Eltern

Leider wurde bei uns gegen Ende der sechziger Jahre der Lehrerwechsel häufig, da die Schul-verwaltung den Lehrerbedarf zunehmend durch Vertretungen, Zuweisung von apl. Lehrern, Referendaren und Teilarbeitskräften abdeckte. Da war das Schiff oft nur schwer auf Kurs zu halten. Im Kollegium blieben gottseidank die Verteilung der Geschlechter und die Altersstruktur ausgewogen. Wir hatten daher keine Schwierigkeiten, als an anderen Schulen die radikale Einführung der Mengenlehre mit Fachlehrerunterricht im 1. u. 2. Schuljahr die Gemüter erhitzte, weil wir nicht alle vernünftigen „historischen“ pädagogischen Erkenntnisse und Binsenwahrheiten über Bord gehen ließen, Kernunterricht weiter der Klassenlehrer erteilte und Fachunterricht in der Grundschule die Ausnahme blieb.

In unserer Schulordnung stand: „Die Ernst-Reuter-Schule ist unser Eigentum. Wir wollen sie für die, die nach uns kommen, in Ordnung halten“. So wurden von Anbeginn an Schüler der letzten Klasse als Ordner eingesetzt, um in den Pausen, vor und nach dem Unterricht, den Aufsichtsführenden Lehrern zu helfen, die Milchverteilung vorzunehmen, die Ausleihe in der Bücherei zu besorgen und auch sonst bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Natürlich klappte das nicht immer reibungslos. Es hat aber zusammen mit anderen Maßnahmen, wie die Behandlung des Schul-Haushaltsplanes mit seinen beträchtlichen Kosten im Unterricht, Besprechungen und „Aufrufen “ der gesamten Schulgemeinde, der „Zerstörungswut“ wenig Raum gelassen. Meist meldete sich ein Schüler, dem ein Missgeschick passiert war, oft brachten ihn seine Mitschüler zur freiwilligen Meldung, manchmal übernahm auch eine Klasse gemeinsam die Schadensregulierung, weil sie sich insgesamt als schuldig ansah.

Wir haben immer versucht, eine besondere Bindung zwischen Schülern, Eltern und Schule herzustellen, und Mittel und Wege gefunden, wenn diese Verbindungen zu reißen drohten. So kamen später nicht selten ehemalige Schüler, die nun in der Lehre waren, in ihrer Freizeit zu Besuch, setzten sich mit in die Klasse und berichteten von ihren Erfahrungen. “Wenn ich gewusst hätte, daß ••••“! Schließlich ist solch ein Schülerbericht eindrucksvoller als es alle Sprüche eines Lehrers sind. Vom Monat Mai 1959 sicherten Schüler der Oberstufe als Schülerlotsen die Kreuzung des Schulweges vom Bahnhof mit der B 27.
Ich habe vor der Abfassung dieses Berichts noch einmal die Protokolle der Lehrerkonferenzen nachgelesen, bin unserem pädagogischem Tun nachgegangen, dem sehr großen Engagement der Kollegen. So haben wir immer wieder gegenseitige Unterrichtsbesuche mit Abhaltung von Lehrproben durchgeführt, uns in den Konferenzen mit dem Deutsch­ und Rechenunterricht besonders auseinandergesetzt. In beiden Fächern wurden Richtlinien festgelegt, Absprachen getroffen, Mindestforderungen aufgestellt und akzeptiert, vom ersten Schuljahr beginnend „Lektionen“ in diesen Fächern für alle Lehrer gehalten.
Auch in Leibeserziehung und Musik geschah das Besonders zu erwähnen sind 2 Tagungen mit dem Arbeitskreis für Schulmusik und Musikpädagogik unter Dozent Junker, an der auch Lehrer aus dem Kreis teilnahmen.

Die Diskussion über Gesamtschule und Förderstufe im Kollegium führte zu einem ungewöhnlichen Beschluss. Wir wollten versuchen und zeigen, was an unserer Schule durch den Einsatzwillen ihrer Lehrer möglich war. Die Kollegen verpflichteten sich freiwillig, am Mittwochnachmittag 2 Stunden im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft für die 7.-9. Schuljahre mitzuwirken, alle Lehrer der 1.-9. Klassen, ohne Stundenermäßigung!
Die Regierung bewilligte die zusätzlichen Schulbusfahrten, so daß am 24.11.1965 die Schülerarbeitsgemeinschaften beginnen konnten. Die Teilnahme war Pflicht, die Auswahl freiwillig.

Es wurden angeboten: Rechnen, Naturlehre, Werken, Kunsterziehung, Laienspiel, Instrumentalgruppe (Orff) und Leibeserziehung. Die Arbeitsfreude der Schüler übertraf alle Erwartungen. Im Frühjahr stellten wir die Arbeitsgemeinschaften ein, die GEW hatte ihre Mit-glieder aufgerufen, keine freiwilligen Arbeiten, wie Landheimaufenthalte u.d.gl. durchzuführen.

In einem Schuljahr haben wir mit äußerer Differenzierung durch Parallellegen von Rechenstunden in der Oberstufe eine bessere Förderung der Schüler zu erreichen versucht. Der Englischunterricht lag schon immer parallel. Die „Erfolge“ waren wenig ermutigend, denn abgestuft wurde schnell, das Heraufstufen war aber ohne besondere Fördermaßnahmen unmöglich, es unterblieb. Als wirklich sinnvoll erweist sich eben nur die innere Differenzierung, die früher bei der wenig gegliederten Landschule zum täglichen Einmaleins des Lehrers gehörte, die sogenannte „Stillbeschäftigung„. Leider sind die positiven Seiten dieser Unterrichtsform, die besonders auch selbständiges Arbeiten, Konzentration und Hilfsbereitschaft förderte, unverdient in Vergessenheit geraten.

In Erdkunde legten wir einen Mindestkatalog an geographischen Fakten fest, da wir erkannten, dass auch bei moderner Unterrichtsgestaltung auf ein Basiswissen nicht verzichtet werden kann.

Rückblick

20 Jahre war ich an der Ernst-Reuter- ­Schule, habe an ihrer Entstehung und Gestaltung mitgewirkt. 20 Jahre sind ein langer Zeitraum in dieser schnelllebigen Welt!
Ob alle großen Veränderungen auf dem Erziehungssektor positiv waren, wage ich, rückblickend, nicht mehr zu behaupten. Die Mittelpunktschule der Landschulreform jedenfalls war ein pädagogischer, ein „menschlicher“ Fortschritt. Vor allen Reformen und Plänen sollte man daher bedenken: Jede Medaille hat zwei Seiten. Die Kehrseite sieht man leider oft erst dann, wenn man die Medaille zur Hand nimmt.

Der Grund für den Erfolg unserer Schule liegt ursächlich in ihrer überschaubaren Größe, ihrem „organischen Wachstum“ und ihrer Verwurzelung in den Schulgemeinden.
Eltern, Lehrer, Schüler und Gemeindeverwaltung haben sich hier immer um gegenseitiges Vertrauen und Verständnis bemüht. Vertrauen und Verständnis sind leichter zu gewinnen, wenn man einander gut kennt, dann kann man auch eher aufeinander zugehen, aufeinander Rücksicht nehmen und sich mit allen Stärken und Schwächen akzeptieren.

Mit viel Hingabe und Zuwendung, aber mit nicht weniger Festigkeit notwendigen „Anforderungen“, haben wir, die Lehrer an der Ernst-Reuter-Schule, unseren Erziehungsauftrag ausgeführt, immer bemüht um Unterstützung und Verständnis der Eltern.

Schulstress muss nicht sein, weder bei Schülern, noch bei Eltern, noch bei Lehrern.


Autor:
Heinz Schminke

Quellen:
Text, Heinz Schminke, Buch 25 Jahre Ernst-Reuter-Schule, 1957-1982
Bilder, Hermann Hoffmeister

Luftaufnahme der Mittelpunktschule vom 13.4.1957, 2 Monate vor Eröffnung
Luftaufnahme der Mittelpunktschule vom 13.4.1957, 2 Monate vor Eröffnung
Jubiläumsschrift - 25 Jahre Ernst-Reuter-Schule
Ernst-Reuter-Schule Frühjahr 2017
Ernst-Reuter-Schule Frühjahr 2017

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