St. Joseph von Lehrer Hillebrand

Witzenhausen, den 03. Oktober 2006

Als Zeitzeuge, Mitwissender und am Rande auch Beteiligter des Geschehens um den Bau von St. Joseph
schreibe ich die Entstehungsgeschichte der kath. Kirche in Hebenshausen auf.

Johannes Hillebrand, Wickfeldstraße 8, 37213 Witzenhausen
(damals junger Lehrer an der zweitklassigen Schule von Hebenshausen)

Zur Geschichte der kath. Kirchengemeinde und ihrer Kirche
St. Joesph in Hebenshausen (1956 – 2002)

Die Entstehungsgeschichte der seit nunmehr 50 Jahren bestehenden Kirche St. Joesph in Hebenshausen ist eingebettet in die Entwicklung Deutschlands nach dem Ende des zweiten Weltkrieges.

1945 war Hebenshausen mit seinen etwa 300 Einwohnern ein Dorf, das schon über Jahrhunderte von der Landwirtschaft lebte und eine besondere Prägung durch den am Rande gelegenen Gutshof der Unternehmerfamilie Henschel aus Kassel erhalten hat.

Der Ort besaß eine alte evangelische Kirche, auf deren erhrwürdiges Alter ein „Wehrturm“ au dem Mittelalter hinwies. Daran wurde bis heute nichts geändert. Die Anfänge der Kirche liegen im Dunkeln, reichen aber ohne Frage in die vorrefomatorische Zeit zurück. Nach der Reformation in Hessen gab es in Hebenshausen einen eigenen Pfarrer, der die üblichen Amtshandlungen (Taufen, Trauungen, Unterricht und Konfirmationen sowie Beerdigungen) nach seiner Konfession evanglich-lutherisch am Ort vornahm.

1945 war Hebenshausen schon lange mit dem Nachbarort Berge durch ein Kirchenspiel verbunden. Pfarramt und gemeinsamer Pfarrer hatten ihren Amts- und Wohnsitz in Berge.

In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass im Laufe des 19.ten Jahrhunderts viele Juden Witzenhausen verließen. Vorwiegend zogen sie und nach Hebenshausen um. Hier fanden sie nicht nur Arbeit und Brot, sondern sie bauten auch eine eigene Synagoge. Außerdem gab es und gibt es noch heute den jüdischen Friedhof in der Gemarkung des Ortes.

Bei den Luftangriffen der Aliierten auf die Stadt Kassel waren nicht nur die für die Deutschen sehr wichtigen Rüstungsbetriebe der Firma Henschel schwer getroffen worden. Die Familie Henschel selbst wurde auch ausgebomt und verließ notgedrungen das völlig zerstörte Kassel. Als Zufluchtsort und Domizil wählte sie den zu ihrem Privatbesitz gehörenden Gutshof von Hebenshausen aus.

Als Frau / Tochter des damaligen Besitzers und Firmenleiters Oskar Henschel, als Frau Hedwig Henschel, geb. von Berlepsch, lebte sie nun für eine lange Zeit auf dem Lande, eben auf ihrem der Gutshof nahe beim Dorf.

Hebenshausen wurde dadurch zu einem Zufluchtsort und zu einer Sammelstelle für die Großfamilie Henschel. Auch die eigene Tochter und deren Mann (Graf von Arnim) fand Unterschlupf.

Wie viele ander Menschen in der damaligen Zeit kamen sie als „Heimatvertriebene“ zusammen mit ihren Kindern an. Die 50ziger Jahre waren eben eine schwere Zeit!

Die Familie Henschel war sehr angesehen im Ort wegen ihrer sozialen Gesinnung und wegen ihreres freundlichen Umgang mit allen Menschen. Wenn der Werkschor aus Kasel in Hebenshausen auftauchte und ein Konzert gab, dann waren alle Eisentore weit für die Dorfbewohner geöffnet.

Doch nun zu einem ungewöhnlichen und ungewollten Erbstück für Hebenshausen aus unseliger Zeit, dem Grundstück mit einem fast fertigen Kindergarten. Das Haus stand leer! Was sollte eine Gemeinde mit einem leeren auf ihrem Grund und Boden stehenden Gebäude anfangen?

Ganz allgemein hatte man nach dem Krieg große Schwierigkeiten, mit dem Eigentum des niedergeschalgenen NS-Staates umzugehen.

Das Gebäude war ja mit Geldern der Firma und Familie Henschel für die Bewohner des Ortes errichtet worden. Der so genannte „Kindergarten“ stand als leeres und eigentumsloses Haus einfach herum.

Viele Jahre suchte man in Hebenshausen nun nach einem Eigentümer für die Bauruine. Wem sollte sie in Zukunft von Nutzen sein?

Eigentlich hätte sie doch für soziale Zwecke dringend gebracht werden können. Nach dem verlorenen Krieg hatten die Menschen in Deutschland überall mit einem unsäglich großen Elend und einer tiefen Niedergeschlagenheit zu kämpfen.

Synonym redete und schrieb man in einer neuen andern Sprache.

DA gab es „namenlose“, „entwurzelte“, „heimatvertriebene“, „Flüchtlinge“, „Heimkehrer“, „Ausgebomte“ „Kriegerwitwen“, „Kriegerkinder“, „Kriegergefangene“, „Enteignete“, „Verfolgte“ und „Wiedergutmachung“ zugesprochen bekamen.

Wohnung, Nahrung und Kleidung waren eine gesuchte Mangelware. Man musste sich einschränken, abgeben, zusammendrücken und teilen. In der Not lernten die Menschen wieder neu aufeinander zuzugehen.

Es gibt viele Zeugnisse und viele wunderbare Geschichten gegenseitiger Hilfe aus der dieser Zeit.

Man hatte auch wieder gelernt zu beten und stellte unvoreingenommen und selbstverständlich die eigene Kirche für den Gottesdienst in der andern Konfession zur Verfügung.

Das christliche Motto: „Einer trage den andern Last“ war neu aufgeblüht und hat zu einem besserem Verstehen der Konfessionen beigetragen.

Oekumene wurde praktiziert und hat und von da an segensreich in die Zukunft gewirkt. Ein besseres Miteinander der christlichen Kirchen bleibt aber weiterhin Ziel und Richtung in unserem Leben.

Trotzdem vermisste man natürlich die von früher gewohnte eigene kath. Kirche am Ort! Sollte es nötig sein und jemals gelingen einen Kirchen-Neubau in Hebenshausen zu verwirklichen?

Kirche und Schule waren in der Vergangenheit immer das Aushängeschild für ein „blühendes Gemeinwesen Dorf“ gewesen.

Der Weg zum Bau von St. Josef in Hebenshausen führt
in zeitlicher Folgen von Kindergarten über Schule zur katholischen Kirche

Vom Kindergarten und seiner Entstehung ist bereits viel gesagt. Deshalb also nur zur Schule in der Nachkriegszeit von Hebenshausen.

De am Endes des Krieges vorhandene Einklaß-Schule des Dorfes war wegen des unerwartet großen Zustroms von Kindern plötzlich zu klein geworden. Sie konnte die vielen Schüler nicht mehr fassen. Am Vormittag und Nachmittag musste abwechselnd in zwei Schichten unterrichte werden. Ein zweiter Klassenraum war also unbedingt erforderlich.

Zwei Lehrer standen zur Verfügung, aber es fehlte eben der zweite Raum. Dieser Zustand mit einem Raum, der sich noch dazu über der Lehrerwohnung im 2. Geschoss des Schulhauses befand, dauerte trotz vieler Bemühungen bis in das Jahr 1952 an.

Endlich war der lang ersehnte Ausweg aus diesem Dilemma gefunden.

Die Gemeinde als zuständiger Schulträger hatte nur ein geringes Finanzaufkommen. Also war an den Bau eines neuen Schulgebäudes überhaupt nicht zu denken. Man erinnerte sich dementsprechend mit Aussicht auf Erfolg immer nur an die „Bauruine Kindergarten“. Und endlich kam es dazu. Nach geringfügigen Umbauarbeiten gelang es wirklich, einen zweiten Schulraum für die 1. bis 4. Klasse einzurichten. Die erste Einschulung fand dann zu Beginn des Schuljahres 1952/53 statt.

Und das Schicksal wollte es, dass ausgerechnet auch der Enkelsohn von Frau Henschel zu den Erstklässlern in Hebenshausen gehörte.

Noch aber war die Eigentumsfrage in der Schwebe geblieben. Der neue Schulraum gehörte eigentumsrechtlich weder der Familie Henschel noch der Pol. Gemeinde Hebenshausen.

Diese Tatsache sollte sich später als großer Vorteil erweisen.
Weiter ging es, um Gottes Weg sind unergründlich!

Die Vertreibung und die Flicht von Menschen in Deutschland fand durch die willkürlichen Grenzziehungen der Siegermächte kein Ende. Diesmal verließen Bewohner aus dem zweiten Deutschen Staat Haus und Hof.

Sie verließen zu Hunderten und Tausenden ihr angestammtes Land, manche freiwillig und manche unter Zwang. Diese waren nun die so genannten DDR-Flüchtlinge, die in den Westen geflüchtet oder umgesiedelt waren.

Sie zählten also nicht zu den unter dem behördlichen Registernamen als Vertriebene geführte Menschen aus dem ehemaligen Ostpreußen und Pommern, oder aus Schlesien und dem Sudentenland. Sie kamen als Flüchtlinge aus dem nahen Eichsfeld, von „jenseits der Grenze“ nach Hasen und Niedersachsen., in ein Gebiet, das sie zum Teil von Kindheit an kannten. Die meisten der Zugewanderten waren durch Beruf und Arbeit mit der Region verbunden. Sie vermehrten die Anzahl der katholischen Einwohner in Eichenberg/Bahnhof erheblich.

Die religiöse Struktur aller Dörfer im Umkreis von Hebenshausen war durch die vielen katholischen Neubürger deutlich verschoben worden. Noch blieb aber alles beim Alten.

Zunächst entwickelte sich in unserer Region das Grenzdurchgangslager Friedland zu dem überall in Deutschland bekannten, von beiden christlichen mitgetragenen Zufluchstsort. Und selbstverständlich besuchten auch die nach hier geflüchteten und noch in drückenden Verhältnissen lebenden Menschen den angebotenen „Sonntags-Gottesdienst“ in Friedland. Aber dann baute das Bistum in Hildesheim, nachdem man jahrelang mit einer notdürftig errichteten Kapelle hatte auskommen müssen, die erste kath. Kirche. Das war ein Signa für das Bistum Fulda, und nun beschäftigte man sich auch hier mit der Frage eines eigenen Kirchbaues.

Man kam auf Hebenshausen, denn dort stand ja ein eigentumsloses Grundstück mit Haus zur Verfügung.

Die Frage des kürzeren Wege für die Kirchgänger war sehr wichtig, aber darüber hinaus natürlich eine geregelte Versorgung der Menschen katholischen Glaubens.

Fulda war von Anfang an eingeschaltet, die Verantwortung aber hatte das zuständige Pfarramt von Witzenhausen. Verhandlungsführer für den Kauf eines geeigneten Grundstücks für den Kirchenbau wurde der damalige Pfarrer Schramm. Schon bald war auch der für diese schwierige Aufgabe gut vorbereitete Kaplan Koch gefunden und eingesetzt. ER hatte zuvor mit viel Fingerspitzengefühl das Ausweichlager und Altenheim der CARITAS auf Schloss Rothestein auflösen müssen.

Mit viel Umsicht, viel Elan und Schwung ging es an die Planung und Verwirklichung
des Kirchenhauses von St. Joseph in Hebenshausen

Es war nicht einfach, eine neue Kirchengemeinde zu gründen. Viele Widerstände und Probleme mussten beim Umbau über dem kleinen Schulraum vorort überwunden und gelöst werden.

Das weitere über die Entstehung, über die Personen und die Ereignisse erzählt in allen Einzelheiten die eindrucksvolle Bilddokumentation.

Die Jugend und auch die unvergessene Frau Giebel haben die Geschichte des Kirchenbaues mitgeschrieben. Sie waren bei allen „Bauphasen“ beim „Turm- und Glockenbau“ und besonders begeistert beim späteren Bau des „Jugendheimes St. Georg“ auf der „Schönen Aussicht“ beteiligt.

Ausdrücklich möchte ich nun noch ein Grußwort unserem unvergessenen Pfarrer Montag in der Festschrift zum Silber-Jubiläum der Gemeinde Neu-Eichenberg in Erinnerung rufen.

Dort schreibt er: „Na eins ist doch was! Sind wir als kath. Kirchengemeinde St. Joseph nicht gar ein so geringes Stück Wegbereiter für das 5´Jahre später entstandene Neu-Eichenberg gewesen/geworden.“

Mit dem Hinweis auf die Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Gemeinde Neu-Eichenberg
Möchte ich meine Gedanken zur Geschichte von St. Joseph in Hebenshausen abschließen.

IN dieser Festschrift weist Pfarrer Montag auf eine Urkunde von 1966 hin, die am 01. Juli 1966 vom Bischof Bolte von Fulda gesiegelt und unterschrieben ist. Bei dieser Urkunde handelt es sich um die „Errichtung der Kirchengemeinde und Pfarrkuratie St. Joseph in Hebenshausen“.

Mit diesem Datum, dem 01. Juli 1966 verbinden sich die das Entstehen und das Wachstum, aber auch die ganzen Sorgen und alle Lasten für eine neue Kirchengemeinde. Nun feiern wir die 50 Jahre!

Machen wir uns heute in allem Ernst noch Gedanken um ein weiters Gedeihen und Wachstum der Kirch von Hebenshausen?

In der Urkunde von damals wird lapidar festgeschrieben:
„IN der Pfarrei zum „göttlichen Erlöser“ wird eine neue selbständige „Kirchengemeinde“ und Pfarrkuratie St. Joseph in Hebenshausen eingerichtet. „Sie besteht aus den Gemeinden Hebenshausen, Berge, Eichenberg, Hermannrode, Marzhausen und Unterrieden“. Die Grenzen der neuen Pfarrkiratie decken sich mit den Gemarkungen der genannten Gemeinden mit Ausnahme von Unterrieden.

In o.g. Urkunde sind das Grundstück aufgeführt:
Flur 6, Flurstück 146/9
(Hof- und Gebäudefläche im Dorfe) – Grundbuch Bd. 7, Blatt 106
mit der Größenordnung von 2.639 qm.
Dies wird 1966 auf die kath. Kirchengemeinde Hebenshausen eingetragen.

St. Joseph blickt auf 50 Jahre zurück

Die Geschichte und Entwicklung der Kirchengemeinde Hebenshausen ist sehr turbulent und in vielen kleinen Schritten verlaufen. Viele Gründungsmitglieder erleben die Jubelfeier 2006 nicht mehr mit. Wir bewahren sie in unseren Gebeten.

Mein Wunsch über den Tag der Freude hinaus:
„Möge die Kirchengemeinde Hebenshausen mit Gottes Segen in eine gute Zukunft gehen!“

Ein Nachschlag vom 03. Oktober 2006:
Die Firmung in Witzenhausen – Hebenshausen am Tag „der Deutschen Einheit“.

Johannes Hillebrand


Autor:
Johannes Hillebrand (*29.1.1928,+3.1.2017),
Quelle:
Johannes Hillebrand im Jahr 2008, persönliche Übergabe an Lars Klein mit Bitte um Veröffentlichung

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